Warum die neuen Straßen in Jheringsfehn nach Landhebammen und nicht nach Kapitänen und ihren Frauen benannt werden sollen.
Landhebammen haben in Moormerland über Jahrzehnte hinweg Außergewöhnliches geleistet. Von 1900 bis 1960 begleiteten sie Frauen und ihre Familien unter schwierigsten Bedingungen, entbanden Kinder, betreuten Mutter und Kind oft über Wochen hinweg und trugen dabei eine Verantwortung, die weit über das Übliche hinausging. Ihre Arbeit war geprägt von Fachwissen, Fürsorge und großer persönlicher Hingabe und doch blieb sie lange Zeit im öffentlichen Bewusstsein kaum sichtbar. Straßennamen sind Ausdruck dessen, wessen Geschichte erinnert und gewürdigt wird. Noch immer spiegelt der öffentliche Raum überwiegend männliche Lebensleistungen wider. Weibliche Arbeit, insbesondere Sorge- und Fürsorgearbeit, findet dort zu selten Anerkennung. In Jheringsfehn wird ein neues Baugebiet geplant.
Wir schlagen vor, die dort entstehenden Straßen nach den Landhebammen Moormerlands zu benennen. Damit soll das Wirken dieser Frauen dauerhaft im Alltag sichtbar gemacht und zugleich ein bewusstes Zeichen für Wertschätzung, Gleichberechtigung und historische Verantwortung gesetzt werden. Ein Baugebiet, das ausschließlich Frauennamen trägt, würdigt nicht nur die Landhebammen vergangener Generationen, sondern schlägt auch eine Brücke in die Gegenwart. Es erinnert an die Bedeutung von Care-Arbeit, an weibliche Lebensrealitäten und an den gesellschaftlichen Wert eines Berufs, der bis heute unverzichtbar ist.
Moormerland hat die Möglichkeit, Erinnerung neu zu gestalten, respektvoll, sichtbar und zukunftsgerichtet.

In der letzten Ortsratssitzung in Jheringsfehn wurde vorgeschlagen, die Straßen stattdessen nach ehemaligen Kapitänen und deren Ehefrauen zu benennen. Doch diesen Vorschlag lehnen wir ab!
Dabei geht es nicht darum, die maritime Geschichte zu schmälern. Kapitäne haben zur wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen. Doch ihre Geschichte ist bereits sichtbar. Es gibt Schifferdenkmäler auf den Friedhöfen und das Kolonisten- und Seefahrer-Denkmal am Sauteler Kanal, im Zentrum von Moormerland, sowie eine gewachsene Tradition, männliche Erwerbsbiografien im öffentlichen Raum zu ehren. Für die Landhebammen hingegen existiert bislang kein vergleichbares Zeichen der Anerkennung, obwohl sie über Jahrzehnte hinweg nahezu jede Familie im Ort begleitet haben.
Das Argument, Kapitäne hätten das Dorf stärker geprägt, greift zu kurz. Frauen hatten aufgrund patriarchaler Strukturen historisch kaum die Möglichkeit, wirtschaftliche oder politische Entwicklung offiziell mitzugestalten. Dass ihre Leistungen weniger sichtbar sind, ist Folge fehlender Macht und Teilhabe und nicht Ausdruck geringerer Bedeutung. Gerade deshalb ist es heute notwendig, diese unsichtbar gemachte Prägekraft bewusst anzuerkennen.
Auch der Vorschlag, Straßen nach den Ehefrauen der Kapitäne zu benennen, ist kein Ausdruck echter Gleichberechtigung. Eine Frau über ihren Ehemann zu definieren, würdigt keine eigenständige Lebensleistung, sondern schreibt traditionelle Abhängigkeiten fort. Landhebammen hingegen stehen für einen qualifizierten, verantwortungsvollen Beruf, der allen Menschen und allen Familien im Ort zugutekam, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status.
Schließlich überzeugt auch das Argument nicht, man könne die Hebammen zu einem späteren Zeitpunkt berücksichtigen. Frauen haben lange genug auf öffentliche Anerkennung gewartet. Erinnerungskultur ist eine Entscheidung im Hier und Jetzt. Wenn jetzt die Möglichkeit besteht, Geschichte ausgewogener zu erzählen und ein klares Zeichen für Gleichberechtigung und historische Gerechtigkeit zu setzen, dann sollte sie genutzt werden.